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Seit 2000 Jahren lebt das Antlitz Jesu in einem
hauchdünnen Schleier aus kostbarer, farbresistenter Muschelseide. Hier im
Schleier hat es reichlich abenteuerliche Wege überstanden, um
schließlich, nachdem es als das 'nicht von
Menschenhand gemachte Abbild Jesu' über Jahrhunderte nachweislich
als Ur-Ikone, als Vorlage aller Christusabbildungen in Kunst und
Ikonographie galt, für ganze 400 Jahre wie vom Erdboden zu
verschwinden. Mitten aus den Wirren der Reformation und Gegenreformation
und dem langwierigen Bau des Petersdomes.
Der dieser Tage so medienträchtig hervorgehobene, vermutete
Vatikankrimi, der demnach diese vierhundert Jahre währte, weil der
Vatikan alljährlich einmal feierlich den Gläubigen auf 'ehrwürdige'
Distanz ein solches nicht von
Menschenhand gemachtes Abbild Jesu' zeigte, das aber in Wahrheit
nicht mehr vorhanden war, weil es geraubt wurde, war in jeder Hinsicht
kein Krimi. Zwar war die wahre Ikone, 'Vera Ikona', woraus der
Volkmund die Hl. Veronika und ihre Legende schuf, verschwunden, aber
das wahre Antlitz Christi , das durch den gelebten Glauben inmitten der
Gläubigen leibhaftig unsichtbar in der Kirche lebt, war nicht
verschwunden. Jesu Gegenwart wird nie aus der Kirche verschwinden. Sie ist
da, je nach Situation entweder leidend am Kreuz hängend oder in
auferstandener Freiheit und Liebe. Und so konnte man symbolisch einen
Ersatz des ursprünglichen Tuches zeigen, ohne dabei die Gläubigen zu
betrügen. Gleichwohl war das für die Päpste natürlich erst mal eine
Not.
Doch genau diese Situation war für die Kirche fruchtbar
und von großer Bedeutung. Denn heute sieht es erkennbar eher so
aus, dass vielmehr Jesus selber mit diesem Ereignis
einen mühsame Lernprozess in der Kirche angestoßen hat. Eben hin
zur Gegenwärtigkeit des wahren
leibhaftigen Antlitzes Gottes inmitten der Gläubigen und hin zu einem
Verständnis dessen, was Jesus uns mit der Kostbarkeit dieses lebenden
Schleiers gerade für unsere Zeit heute hinterlassen hat. Die Kirche
musste loslassen von dem Bild als solchen und seine äußerliche Verehrung
und musste auf das vorbereitet werden, was dieser Schleier über
ihre wahre Aufgabe auszusagen weiß. Zu
keinem früheren Zeitpunkt hätten die Wissenschaften die Voraussetzungen
gehabt, die mit diesem Schleier verbundene Botschaft Jesu zu verstehen.
Es hat also seinen guten Grund dass Jesu Antlitz im Schleier
sich nach Jahren mühsamer Forschung gerade jetzt wiederfinden ließ.
Seit verschwinden des Schleiers hat die Kirche, die zum
damaligen Zeitpunkt zu einer Kirche des ganzen Abendlandes geworden war,
als solche einen tiefen heilsamen Wandlungsprozess durchgemacht. Es
galt in diesem, für damalige Verhältnisse schon sehr großen
gesellschaftlichen Zusammenschluss, trotz dieser Größenordnung die ganze
Loslösung von menschlicher Macht im Sinne Jesu zu verwirklichen. Um
gleich vorneweg Missverständnisse zu vermeiden: damit ist nicht
zwangsläufig Loslösung von der Staatsmacht gemeint, sondern die Weise
der Macht als solche, eben Gottes Weise der Macht, die für sich oder in
Verbindung mit dem Staat eine sehr andere ist als weltliche, menschlich
verstandene Macht. Ganz gleich ob es sich bei weltlicher Macht um
Demokratie, Monarchie oder Diktatur handelt. Kein geringerer als Jesus
selber hat mit der Zulassung verschiedener Entwicklungen: etwa die
Reformation, die Aufklärung und eben mit dem Verschwinden des Tuches
dafür gesorgt, dass dieser Prozess zu einem Zeitpunkt in Gang kam, da die
Kirche mit dem Bau des Petersdomes in Gefahr war sich noch mehr als
bisher ohnehin schon auf weltliche Macht zu verlassen und begründen
und somit das Reich Gottes, wie es der Botschaft Jesu entspricht,
empfindlich zu verzögern.
Der Heilige Vater, Papst Benedikt
XVl ist der erste Papst, der nun nach dieser 400 Jahre
währenden Abstinenz, ihrem Lernprozess und ihrer Not am
vergangenen Feitag, 1.September 2006, wieder zum Heiligen Antlitz, dem
Volto Santo, pilgern konnte. In dem kleinen Abruzzenort Manoppello,
200 km von Rom entfernt, verfolgte er die Spuren der Wiederentdeckung
und begegnete dem Antlitz Jesu . (Die Presse berichtete)
Benedikt XVI ermutigt in seiner Ansprache die zahlreich erschienenen
Pilger, immerfort den Herrn zu suchen, der seinen Jüngern sagte:
"Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9).
Das ist auch eine Aufforderung an die Wissenschaften, zu einem neuen
Verständnis des Verhältnisses von Geist und Materie; Vernunft und
Glaube, zu kommen: Wer den Menschen
erforscht, wird ihn nur erkennen können, wenn er in ihm leibhaftig auch
die Nahtstelle in unverfügbare geistige Welten, allen voran in das
Universum des unverfügbaren, aber wahrnehmbaren Geistes Gottes,
voraussetzt und nach ihr forscht, wenn er diese große, das Leben
bestimmende, Unbekannte in alles Forschen einbezieht. Das gilt für die
Naturwissenschaften genau so, wie für die Medizin und insbesondere für
den Umgang der Genforschung mit der DNA, der Nahtstelle unseres Lebens.
Das Volto Santo ist ein lebhafter, leibhaftiger Zeuge dieser
unverfügbaren Nahtstelle.
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