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                   1. September 2006

1. September 2006

 

Papst Benedikt auf den Spuren des lebenden  Schleiers.

 

 

Seit 2000 Jahren lebt das Antlitz Jesu in einem hauchdünnen Schleier aus kostbarer, farbresistenter Muschelseide. Hier im Schleier hat es reichlich abenteuerliche Wege überstanden, um schließlich, nachdem es als das 'nicht von Menschenhand gemachte Abbild Jesu' über Jahrhunderte nachweislich als Ur-Ikone, als Vorlage aller Christusabbildungen in Kunst und Ikonographie galt, für ganze 400 Jahre wie vom Erdboden zu verschwinden. Mitten aus den Wirren der Reformation und Gegenreformation und dem langwierigen Bau des Petersdomes.

Der dieser Tage so medienträchtig hervorgehobene, vermutete Vatikankrimi, der demnach diese vierhundert Jahre währte, weil der Vatikan alljährlich einmal feierlich den Gläubigen auf 'ehrwürdige' Distanz ein solches nicht von Menschenhand gemachtes Abbild Jesu' zeigte, das aber  in Wahrheit nicht mehr vorhanden war, weil es geraubt wurde, war in jeder Hinsicht kein Krimi. Zwar war die wahre Ikone,  'Vera Ikona', woraus der Volkmund die Hl. Veronika und ihre Legende schuf,  verschwunden, aber das wahre Antlitz Christi , das durch den gelebten Glauben inmitten der Gläubigen leibhaftig unsichtbar in der Kirche lebt, war nicht verschwunden. Jesu Gegenwart wird nie aus der Kirche verschwinden. Sie ist da, je nach Situation  entweder leidend am Kreuz hängend oder in auferstandener Freiheit und Liebe. Und so konnte man symbolisch einen Ersatz des ursprünglichen Tuches zeigen, ohne dabei die Gläubigen zu betrügen. Gleichwohl war das für die Päpste natürlich erst mal eine Not. 

Doch genau diese Situation war für die Kirche fruchtbar und von großer Bedeutung. Denn heute sieht es erkennbar  eher so aus, dass vielmehr  Jesus selber mit diesem Ereignis  einen  mühsame Lernprozess in der Kirche angestoßen hat. Eben hin zur Gegenwärtigkeit des wahren leibhaftigen Antlitzes Gottes inmitten der Gläubigen und hin zu einem Verständnis dessen, was Jesus uns mit der Kostbarkeit dieses lebenden Schleiers gerade für unsere Zeit heute hinterlassen hat. Die Kirche musste loslassen von dem Bild als solchen und seine äußerliche Verehrung und musste auf das vorbereitet werden, was dieser Schleier  über ihre wahre Aufgabe auszusagen weiß. Zu keinem früheren Zeitpunkt hätten die Wissenschaften die Voraussetzungen gehabt, die mit diesem Schleier verbundene Botschaft Jesu zu verstehen.  

 

Es hat also seinen guten Grund dass Jesu Antlitz im Schleier sich nach Jahren mühsamer Forschung gerade jetzt wiederfinden ließ.    

Seit verschwinden des Schleiers hat die Kirche, die zum damaligen Zeitpunkt zu einer Kirche des ganzen Abendlandes geworden war, als solche  einen tiefen heilsamen Wandlungsprozess durchgemacht. Es galt in diesem, für damalige Verhältnisse schon sehr großen gesellschaftlichen Zusammenschluss, trotz dieser Größenordnung die ganze Loslösung von menschlicher Macht im Sinne Jesu zu verwirklichen. Um gleich vorneweg Missverständnisse zu vermeiden: damit ist nicht zwangsläufig Loslösung von der Staatsmacht gemeint, sondern die Weise der Macht als solche, eben Gottes Weise der Macht, die für sich oder in Verbindung mit dem Staat eine sehr andere ist als weltliche, menschlich verstandene Macht. Ganz gleich ob es sich bei weltlicher Macht um Demokratie, Monarchie oder Diktatur handelt. Kein geringerer als Jesus selber hat mit der Zulassung verschiedener Entwicklungen: etwa die Reformation, die Aufklärung und eben mit dem Verschwinden des Tuches dafür gesorgt, dass dieser Prozess zu einem Zeitpunkt in Gang kam, da die Kirche mit dem Bau des Petersdomes in Gefahr war sich noch mehr als bisher  ohnehin schon auf weltliche Macht zu verlassen und begründen und somit das Reich Gottes, wie es der Botschaft Jesu entspricht, empfindlich zu verzögern.  

Der Heilige Vater, Papst Benedikt XVl ist der erste Papst, der nun nach dieser 400 Jahre währenden Abstinenz, ihrem Lernprozess und ihrer Not am vergangenen Feitag, 1.September 2006, wieder zum Heiligen Antlitz, dem Volto Santo, pilgern konnte. In dem kleinen Abruzzenort Manoppello, 200 km von Rom entfernt, verfolgte er die Spuren der Wiederentdeckung und begegnete dem Antlitz Jesu . (Die Presse berichtete)


Benedikt XVI ermutigt in seiner Ansprache die zahlreich erschienenen Pilger, immerfort den Herrn zu suchen, der seinen Jüngern sagte:  

"Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9).

Das ist auch eine Aufforderung an die Wissenschaften, zu einem neuen Verständnis des Verhältnisses von Geist und Materie; Vernunft und Glaube, zu kommen: Wer den Menschen erforscht, wird ihn nur erkennen können, wenn er in ihm leibhaftig auch die Nahtstelle in unverfügbare geistige Welten, allen voran in das Universum des unverfügbaren, aber wahrnehmbaren Geistes Gottes,  voraussetzt und nach ihr forscht, wenn er diese große, das Leben bestimmende,  Unbekannte in alles Forschen einbezieht. Das gilt für die Naturwissenschaften genau so, wie für die Medizin und insbesondere für den Umgang der Genforschung mit der DNA, der Nahtstelle unseres Lebens.

Das Volto Santo ist ein lebhafter, leibhaftiger Zeuge dieser unverfügbaren Nahtstelle.

 

 

                                       
 

 

 

 

 

 

 

Der Schleier in Sopraposition zum Gesicht des Turiner Grabtuchs, hier letzeres in dem weniger bekannten  Positiv, auf dem die Butspuren rötlich erkennbar sind.

 

die vollständige Ansprache von Papst Benedikt am 01-September 2006 in Manoppello >>